10.11.2016, 00:00 Uhr

Der Mythos Bimodal IT

Gastkommentar von Oliver Bendig, CEO bei Matrix42
Das Modell der bimodalen IT ist noch jung, aber höchst umstritten. 2014 hat Gartner den Begriff eingeführt und prognostiziert, dass bis 2017 75 Prozent der Organisationen ihre IT auf bimodal umgestellt haben werden.
Seitdem reißt die Diskussion über die IT der zwei Geschwindigkeiten nicht ab und spaltet die Experten in die Gruppen der Befürworter und Gegner. Die Frage, welches Konzept eher geeignet ist, IT-Erfolg auch in Zukunft zu ermöglichen, hat sich zu einem fundamentalen Meinungsstreit entwickelt, der wohl noch eine Zeit lang anhalten wird. Ein Streit, der zuweilen das eigentliche Thema überschattet und in den Hintergrund drängt. Denn es geht im Grunde nicht um das beste Organisationskonzept für die IT. Es geht darum, wie Unternehmen die digitale Transformation erfolgreich meistern können.
„Dynamikrobust“ in die Zukunft Prinzipiell leuchtet Gartners Modell der bimodalen IT ein. Die IT-Organisation ist dabei geteilt in: - Mode 1, der nach dem klassischen IT-Planungs- und Arbeitsmodus funktioniert und auf Zuverlässigkeit, Robustheit, Kostenoptimierung, Effizienz und Planbarkeit ausgerichtet ist, und in - Mode 2, der im agilen Modus arbeitet, netzwerkförmig aufgestellt und auf Innovation, Mehrwert, Geschwindigkeit und Flexibilität ausgerichtet ist. Beide Modi gemeinsam sollen die Anforderungen digitaler Geschäftsmodelle erfüllen. Dabei muss die klassische lineare Organisation mit einem netzwerkförmigen, agilen Ökosystem verknüpft werden. Die IT soll, wie es so schön heißt, „dynamikrobust“ für die Zukunft aufgestellt werden.
Theorie und Praxis Die Theorie ist in aller Munde und wird diskutiert. In der Praxis aber sind nur wenige IT-Abteilungen bislang tatsächlich bimodal ausgerichtet. Für die „two-speed-IT“ sind in der Regel weitgreifende organisatorische Veränderungen nötig, welche viele Unternehmen scheuen. Zum einen ist der messbare Erfolg dieses Modells weiterhin fraglich, zum anderen entsteht schnell das Risiko, dass Mitarbeiter frustriert werden, wenn diese „nur“ in Mode 1 arbeiten sollen.
Hierdurch kann eine Zwei-Klassen-IT entstehen, bei der sich der eine Teil der IT mit bestehenden und oftmals älteren Technologien auseinandersetzen muss, während ein anderer Bereich sich mit neuen und spannenderen Prozessen und Technologien beschäftigen darf. Darüber hinaus stellt sich bei der Betrachtung der beiden Modi die Frage, welcher IT Bereich sich heutzutage nicht mit Flexibilität und Geschwindigkeit beschäftigen muss.
Zu kurz gegriffen Zudem, da gebe ich den Analysten von Forrester Recht, steigt mit dem bimodalen Modell die Gefahr der Komplexitätserhöhung. Forrester warnt vor Konkurrenzkämpfen beider Bereiche um Budgets, Mitarbeiter und Aufmerksamkeit, die das eigentliche Ziel einer so gravierenden Organisationsveränderung überschatten könnten.
Vor allem aber zu bemängeln ist am bimodalen Modell, dass es rein auf die IT ausgerichtet ist und den Blick nicht auf das Zusammenspiel im gesamten Unternehmen richtet. Dabei kann wohl kaum ein Unternehmen künftig auf cross-funktionale Zusammenarbeit verzichten. Denn die digitale Transformation erfolgreich zu meistern, ist nicht nur Aufgabe der IT, sondern erfordert die Anstrengung und Kooperation aller Unternehmensbereiche. Dazu müssen nicht neue Bereichs-Gartenzäune errichtet, sondern Mitarbeiter mit Weitblick und Verständnis für das Kerngeschäft gefördert werden.
Konkretes IT Beispiel: DevOps Immer noch arbeiten in vielen Unternehmen Softwareentwickler und IT Operations Experten nebeneinander. In agilen Unternehmen mit DevOps Ansatz aber betreiben jene, die die Produkte entwickelt haben, diese auch selbst und profitieren von den Erfahrungen im operativen Einsatz. DevOps ist daher auch für sehr traditionelle Unternehmen, wie Banken und Versicherungen, ein probates Mittel, um die Qualität und Geschwindigkeit zu verbessern.
Veränderung der Perspektive: Agil in der IT und Bimodal in der gesamten Organisation In einer immer schnelleren, globalisierten Welt ist die „Zwei-Geschwindigkeits-IT“, egal für welchen IT-Bereich, meiner Meinung nach außerdem einfach zu langsam. Ein bimodales Modell im Gesamtunternehmenskontext macht aber durchaus Sinn. Denn generell sollte beim Modernisieren und Agilisieren der Organisationstruktur der Blick über den Tellerrand der IT-Welt durchgeführt werden. Der Berater und Managementbuchautor John Kotter beschreibt diese Form in seinem Buch „Accelerate“ als Duales Betriebssystem von Organisationstrukturen. Hierbei werden hierarchische und klassische, pyramidenförmige Organisationstrukturen mit modernen, netzwerkförmigen und Start-Up ähnlichen Strukturen verknüpft.
Bei Matrix42 arbeitet seit über zwei Jahren der gesamte Entwicklungsbereich agil und mit flachen Hierarchien und netzwerkförmigen Strukturen, denn hier geht es um Kreativität, Innovation und Geschwindigkeit. Ansonsten aber, etwa im Verkauf- oder in der Finanzabteilung, bei denen es um Effizienz und operative Exzellenz geht, sind auch wir klassisch, pyramidenförmig organisiert. Beide Modelle funktionieren gut, sind verknüpft und schwingen im Einklang, da beide Bereiche gänzlich andere Anforderungen bedienen. Auf der Entwicklungsseite Geschwindigkeit und Flexibilität, auf der Finanz- und Vertriebsseite Planbarkeit und Effizienz.
Neue Anforderungen an Mitarbeiter Allerdings verändern agiles Arbeiten und DevOps auch die Anforderungen an die Mitarbeiter. Nicht nur eng gefasstes Detailwissen ist in Zukunft wichtig. Gefragt sind Mitarbeiter, die über ihren eigenen Tellerrand blicken können, das Business ihres Unternehmens, den Markt verstehen und aktiv zu deren erfolgreichem Funktionieren beitragen.
Die sogennanten „run the business“ Aufgaben werden weniger werden bzw. von Maschinen übernommen, etwa der Check in am Flughafen. Dafür werden andererseits Mitarbeiter gebraucht, die diese Maschinen bauen können. Gartner sagt, dass derzeit ca. 75 Prozent der Aufgaben der IT im Run-the-Business Bereich zu finden sind. Nur ca. 25 Prozent der IT-Mitarbeiter beschäftigen sich mit Build-the-Business – also mit Innovation und damit, das eigene Geschäftsmodell voran zu bringen. Ich bin überzeugt, dieses Verhältnis muss und wird sich umdrehen - und zwar nicht nur in der IT, sondern für Unternehmen gesamt.


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